Ilonka Breitmeier - Jugendbücher
Matjes und seine Mutter feierten an Bord ihr
Wiedersehen. Immer wieder schnurrte Myrtel: "Matjes, meine kleine Milchschnauze!
Bin ich froh, dich zu sehen! Als ihr an Land gebracht wurdet, hoffte
ich, dass ihr euch durchschlagen würdet. Doch als unser Schiff nach
drei Monaten wieder einlief, habe ich nur noch deine Schwestern gefunden,
von dir keine Spur. Ich suchte tagelang. Ohne Erfolg. Jetzt erzähl mir
schon, wo du gesteckt hast!"
Und Matjes erzählte seine ganze Geschichte. Am Schluss sagte seine Mutter:
"Ich habe gleich gemerkt, dass Kosmo ein besonderer Junge ist. Du hast
wirklich Glück gehabt, ihm zu begegnen. Aber diese kleine Ratte, die
dich Papa nennt! Matjes, wie konnte das nur passieren? Das ist ja eine
Schande für unsere ganze Rasse."
"Mama, ich weiß ja", versuchte Matjes sich zu verteidigen, "ich habe
mich am Anfang auch schrecklich gewehrt, aber sie ist mir immer hinterhergelaufen,
bis ich mich an sie gewöhnt habe. Lerne sie erst einmal kennen, bevor
du über sie urteilst."
Myrtel verdrehte die Augen: "Nur gut, dass sie eine blaue Schleife trägt!
So kann ich sie nicht mit den Schiffsratten verwechseln!"
Die Abendvorstellung der Truppe wurde ein voller Erfolg, nur der Kapitän
sah immer noch skeptisch aus. Anschließend gingen alle sehr müde
in ihre Kojen und wurden von den Wellen sanft in den Schlaf gewiegt.
Am nächsten Tag ging Kosmo auf Entdeckungsreise. Er besichtigte das
Ruderhaus, freundete sich mit dem Schiffskoch an, machte einen Rundgang
an Deck und ging dann nach unten. Dort befanden sich weitere Kajüten,
die Heizkessel und Maschinenräume.
Eine der Türen war verschlossen und Kosmo versuchte, durch das Schlüsselloch
zu schauen, konnte aber nichts entdecken. Er wollte schon weitergehen,
als er von drinnen zwei Stimmen vernahm.
"Jetzt sind wir schon wieder auf einem Schiff. Was uns wohl dieses Mal
erwartet?"
"Bestimmt nichts Gutes, der Kochtopf ist uns sicher. Ach, wären wir
doch nie in die Falle geraten."
Kosmo presste angestrengt sein Ohr an die Tür. Er hatte solche Stimmen
noch nie gehört, begriff aber, dass die beiden Gefangenen in Not waren.
"Hallo!", rief er, "wer seid ihr?"
In diesem Moment wurde er von einer starken Faust am Kragen gepackt
und durch die Luft gewirbelt.
"Hab ich dich erwischt, mein Bürschchen", der Kapitän war ziemlich wütend.
"Was hast du hier unten herumzuschnüffeln. Das ist das Warenlager.
Hier hat niemand was zu suchen. Verstanden?"
"Verstanden!"
Kosmo blieb vor Schreck die Luft weg.
"Tut mir leid, ich wusste ja nicht ..."
"Jetzt weißt du es und sag es den anderen auch. Ich will hier
unten niemanden sehen."
Kosmo war froh, als ihn der Kapitän losließ. Er lief aufgeregt
zu Großvater und den anderen: "Hier stimmt etwas nicht. Heute
Nacht müssen wir herausfinden, was da los ist."
Sein Entschluss stand felsenfest.
Mitten in der Nacht schlichen sich Kosmo, Fred und Oktober an Deck.
Geduckt huschten sie am Führerhaus vorbei, in dem noch Licht brannte.
Sicherheitshalber wachte dort immer ein Matrose, falls ein Sturm aufkam
oder Nebel oder ein entgegenkommendes Schiff zu dicht anlief oder Stromausfall
war.
Dann standen sie vor der verschlossenen Türe und Fred öffnete mit einem
dicken Metalldraht das Schloss. Es war still in dem Raum, nur das gleich
bleibende Knarren der Schiffsbretter in Wind und Wellen war zu hören.
Sie fühlten sich alle etwas unbehaglich in der ziemlich gruseligen Atmosphäre.
Dann war für den Bruchteil einer Sekunde ein leises Ächzen zu hören.
Schnell knipste Kosmo seine Taschenlampe an und leuchtete damit auf
Kisten und Fässer. Bei einem großen Holzbottich stockte er. Ein leises
Plätschern war daraus zu hören.
Auf Zehenspitzen ging er näher und beugte sich über den Rand. Sein Herz
klopfte wild und er hielt vor Spannung den Atem an.
In dem Bottich lagen Seite an Seite zwei riesige Wasserschildkröten.
Durch den Lichtstrahl wachten sie auf und blinzelten verschlafen aus
dem Bottich.
"Habt keine Angst", flüsterte Kosmo, "ich bin ein Freund. Wer seid ihr
und was ist euch passiert?"
Mit müder, alter Stimme sagte die eine der Schildkröten: "Ich bin Steini
und das ist Methusalem. Wir wurden in unseren heimatlichen Gewässern
gefangengenommen und weit übers Meer gebracht. Auf einem großen Markt
wurden wir versteigert. Es war nur eine Frage des Käufers, ob wir als
Suppe, im Zoo oder als Kunsthandwerk enden würden. Der Kapitän dieses
Schiffes kaufte uns und wir landeten hier an Bord. Mehr wissen wir auch
nicht. Aber wir haben Angst und fühlen uns nicht gerade wohl in unserer
Haut, wie du dir vorstellen kannst."
Sie endete mit einem traurigen Stöhnen.
Kosmo war empört.
"Macht euch keine Sorgen", wisperte er, "ich und meine Freunde werden
euch helfen. Wir befreien euch und werfen euch ins Meer zurück."
"Das wird schwierig werden", krächzte Methusalem, "man braucht vier
erwachsene Männer, um uns aus dem Bottich zu heben. Zudem wissen wir
nicht, wo unsere Heimat jetzt ist. Wir brauchen warmes Wasser, Pflanzen
und Strand."
"Lasst das mal meine Sorge sein! Uns fällt meistens etwas ein. Schließlich
haben wir Fred, der ziemlich stark ist. Schlaft jetzt weiter. Ich komme
euch wieder besuchen."
Kosmo konnte nach diesem nächtlichen Abenteuer noch lange nicht schlafen.
Seine Gedanken waren bei den Schildkröten. Er wusste nicht wie, aber
er würde ihnen helfen, das war für ihn klar! Er beschloss, den Kapitän
und die Schildkröten im Auge zu behalten.
In der nächsten Nacht, kurz nach Mitternacht, ertönte plötzlich ein
lauter Schrei. Josefine schrie! Alles war plötzlich in Aufruhr und eilte
an Deck. Dort hopste Josefine aufgeregt herum. Wortlos deutete sie über
die Reling auf das offene Meer.
"Yek, yek, helft, helft", rief eine schnatternde Stimme. Hoch aufgerichtet
balancierte ein Delfin im Wasser.
"Yek, yek, ihr da an Deck, schnell, schnell!"
"Was ist denn los?", rief Kosmo.
"Yek, yek, alle meine Freunde sind im Fangnetz gefangen, können nicht
mehr auftauchen, um zu atmen, werden alle jämmerlich sterben, sah euer
Schiff, muss Hilfe holen, folgt mir schnell, yek."
Mit einem gewaltigen Satz tauchte der Delfin unter. Kosmo handelte in
Windeseile und wenige Sekunden später waren alle auf der Brücke.
Zarah bekam den Auftrag den wachhabenden Matrosen abzulenken. Bitterlich
weinend lief sie mit ausgestreckten Händen auf den Matrosen zu: "Hallo,
hört mich denn niemand? Ich habe mich verlaufen und finde nicht mehr
in meine Kabine zurück!"
Der Matrose nahm sie an der Hand: "Keine Angst, ich bringe dich zurück."
Vorsichtig führte er sie über Deck. Kaum waren die beiden außer
Sicht, schlüpften die anderen in den Steuerraum.
Sie stellten den Autopiloten aus, änderten sofort den Kurs und fuhren
mit voller Kraft voran, dem Delfin hinterher. Dieser wartete bereits
aufgeregt schnatternd ein Stück weiter auf sie. Doch nach ein paar Minuten
krachte es plötzlich fürchterlich. Wie von Geisterhand wurde das Schiff
gestoppt und die Schiffsschrauben rotierten nicht mehr.
"Himmeldonnerwetter, verflixt und zugenäht, was geht denn hier ab?"
Kapitän Bautermann erschien im Nachtgewand im Führerhaus.
"Wo ist der wachhabende Matrose? Was habt ihr alle hier zu suchen?
Mitten in der Nacht, antwortet!"
Kosmo trat mutig nach vorn: "Delfine sind ins Fangnetz geraten, wir
müssen ihnen helfen. Wir waren gerade dabei, einem von ihnen zu folgen,
als das Schiff plötzlich stehenblieb."
"Da laust mich doch der Affe", schimpfte der Kapitän, "ihr verrückte
kleine Bande. Warum habt ihr mich nicht geweckt? Jetzt seid ihr mit
der Schiffsschraube auch noch ins Fangnetz geraten. Da haben wir die
Bescherung."
Er gab Alarm und wenig später seine Befehle: "Matrosen Hermann, Siegfried
und Hartmut Taucheranzüge anlegen, Fangnetz aufschneiden und Delfine
befreien. Matrose Olsen kümmert sich um die Schiffsschraube, Matrose
Jansen übernimmt das Ruder. Und ihr alle runter von der Brücke!"
"So, so", begann der Kapitän, als er wieder Zeit für die kleine Truppe
hatte, ,,und jetzt mal von vorn junger Mann. Woher wusstest du von den
Delfinen?"
Kosmo versuchte, der Reihe nach zu erzählen. Er erklärte seine Gabe,
mit Tieren sprechen zu können und wie eins zum anderen gekommen war.
Der Kapitän schmunzelte.
"Ich brauche jetzt erstmal meine Pfeife, um das zu verdauen."
Inzwischen waren die Matrosen mit Taucherausrüstungen, Messern und Lampen
von Bord gesprungen und machten sich an die Arbeit. Unten im tiefen,
schwarzen Meer herrschte völliges Chaos. Ein ganzer Schwarm Delfine
hatte sich kläglich in den Netzen verfangen. Sie waren über Nacht ausgelegt
worden und sollten am nächsten Morgen von der Fischfangflotte wieder
eingeholt werden. Wildes Gezappel vermischte sich mit den Schmerzens-
und Todesschreien der sonst so lustigen Gesellen.
Behutsam schnitten die Taucher die gefangenen Tiere aus den Stricken
und halfen ihnen aus dem Netz zurück ins freie Meer. Glücklich schossen
die Delfine gleich an die Oberfläche, um Luft. zu holen.
Als auch der letzte der Delfine befreit war, tauchte Matrose Hermann
auf, um dem Kapitän zu berichten: "Auftrag erledigt, alle Delfine gerettet."
"Gut gemacht", lobte der Kapitän, "vernichtet nun das ganze Fangnetz
und dann nichts wie weg hier, bevor die Flotte auftaucht." Dann zwinkerte
er Kosmo zu und sagte: "Ich hasse nämlich Fangnetze."
Kosmo verstand überhaupt nichts mehr. Woher kam die plötzliche Wandlung?
Er beugte sich über die Reling und sah hinunter ins Wasser. Etliche
Delfine vollführten, wohl als Dank für die Rettung, übermütig Saltos
und Freudensprünge.
"Yek, yek, vielen Dank", schnalzten sie, "das war Rettung in allerletzter
Sekunde."
"Meine Freunde sind frei", lachte der Delfin, der Kosmo geholt hatte,
"yek, du bist schnell und nett für einen Menschen, yek. Weißt du, wir
sind in immer größerer Gefahr. Wenn das so weitergeht, werden wir bald
alle sterben. Die Fangnetze, die eigentlich Thunfische und andere essbaren
Fische fangen sollen, rotten alle anderen Meeresbewohner mit aus. Die
Wale sind bedroht und auch die Meeresschildkröten. Dazu kommen noch
Ölpesten, wenn untergehende Schiffe Benzin und Öl verlieren oder Fässer
mit Giftmüll, die durchrosten und die Stoffe ins Meer entlassen. Es
wird immer schwerer für uns alle, am Leben zu bleiben. Aber heute haben
wir Glück gehabt."
Munter machte er einen gewaltigen Salto rückwärts.
"Übrigens Meeresschildkröten ..."
Kosmo konnte nicht weitersprechen, weil der Kapitän ihn unterbrach.
"Das hast du also auch schon herausgefunden", lachte er, "vor dir ist
wohl kein Geheimnis sicher. Na, dann werde ich dir mal was verraten.
Die Schildkröten habe ich Händlern abgekauft, um sie zu retten und in
ihre Heimat zurückzubringen. Ich bin schon seit langem Tierschützer
und versuche, wo immer ich kann, Tiere in Not zu retten."
Kosmos Mund stand vor Staunen offen.
"Und ich dachte, sie wären ein böser, gemeiner Kerl und war schon ziemlich
sauer auf sie", entfuhr es ihm offenherzig.
"Und ich war sauer auf euch", lachte der Kapitän und schlug sich vor
Vergnügen aufs Knie. "Ich dachte, ihr gehört auch zu der Sorte Mensch,
die Tiere für ihre Dienste abrichten, um mit ihnen Geld zu verdienen.
Da haben wir uns ja schön missverstanden, die ganze Zeit. Das ist ja
echt ein Ding."
Er lachte ein tiefes, dröhnendes Lachen.
"Ich habe eine Idee", rief jetzt Kosmo und sprang an die Reling. Er
rief den Delfin und besprach sich mit ihm. Dann kehrte er zum Kapitän
zurück und erklärte: "Die Delfine kennen eine kleine Insel, nicht allzu
weit von hier, mit warmem, feuchtem, tropischem Klima. Dort wäre es
genau richtig für die Wasserschildkröten. Die Delfine wollen den Schildkröten
den Weg zeigen."
"Gut, mein Junge. Dann wollen wir nicht länger warten."
Der Kapitän rief vier starke Matrosen, die die Bottiche mit den Schildkröten
aus dem Lagerraum holten. Steini und Methusalem blickten ängstlich über
den Rand.
"Was habt ihr mit uns vor? Was passiert mit uns?", nuschelten sie mit
müder Stimme.
"Freut euch!", rief Kosmo. "Ihr kommt frei. Ihr landet weder im
Kochtopf noch gefangen im Zoo noch werdet ihr zu Kunsthandwerk!"
Ungläubig schauten ihn die beiden an. Sie konnten vor Freude und Rührung
nicht mehr sprechen. Vorsichtig wurden die Bottiche über Bord gehoben
und zu Wasser gelassen. Das Empfangskomitee der Delfine war bereit,
als die beiden Schildkröten wieder in ihrem Element waren.
"Vielen Dank, vielen Dank!", riefen sie ausgelassen. Und ehe die
Mannschaft sich richtig von ihnen verabschieden konnte, waren sie mit
den Delfinen davongeschwommen.
Metz Verlag ISBN 3-927655-24-4 oder direkt hier bestellen