Ilonka Breitmeier - Jugendbücher
"Eigentlich ist Mami ganz in Ordnung", dachte
der kleine Leonhard und ließ sich gemütlich von der bestriechendsten
aller Mütter zudecken, wie jeden Abend.
Normalerweise ging Leonhard sehr gerne ins Bett. Erst eine Gute-Nacht-
Geschichte, dann ein Liedchen und zum Schluss noch ein bisschen Rücken
kraulen. Angenehm war das, und wenn er so hundemüde war, genau das Richtige.
Aber seit einiger Zeit konnte er das Ganze nicht mehr so recht genießen.
Er erinnerte sich nicht mehr genau, wann es angefangen hatte, wann ES
aufgetaucht war. Aber eines Nachts war er von einem merkwürdigen Geräusch
aufgewacht und hatte ES atmen hören.
Leonhard heißt eigentlich übersetzt Löwenherz und bedeutet groß, stark
und mutig. Aber in jener Nacht war sein Löwenherz fast stehen geblieben,
wie eine alte rostige Uhr, die ins eiskalte Wasser fällt. Eine Gänsehaut
überfiel ihn und verbannte ihn unter seine Bettdecke. "Hilfe" flüsterte
er heiser, weil etwas seine Kehle zuschnürte und seinen Schrei unterdrückte.
Nun gab es zwei Möglichkeiten für Leonhard. Entweder er wartete unter
der Bettdecke ab, bis ES hervorkam, um ihn zu schnappen. Oder er lukte
vorsichtig heraus und sah nach, was ihm da solche Angst machte.
Leonhard nahm seinen ganzen Mut zusammen, zog die Bettdecke ein winziges
Stúckchen zurück und schaute ins dunkle Zimmer.
Von draußen hörte er Autolärm und das Plätschern des Regens.
Wenn Autoscheinwerfer vorbeiflogen, schossen Schatten durchs Zimmer. Links neben Leonhard
lag Shir Khan, sein Lieblingstiger und hielt wie immer Wache an seiner
Seite.
"Shir Khan, ES ist unter dem Bett", flüsterte Leonhard mit zitternder
Stimme, "ich schau nach, und du passt auf."
Vorsichtig schob sich Leonhard auf die rechte Seite und blinzelte über
die Bettkante. Jetzt bloß nicht das Gleichgewicht verlieren und abstürzen!
Noch war nichts zu sehen. Er musste sich ein Stückchen weiter rüberbeugen,
um unter das Bett schauen zu können. Er durfte sich aber auf keinen
Fall mit den Händen am Boden abstützen, weil ES dann blitzschnell zuschnappen
könnte.
Leonhard, der vergessen hatte zu atmen, musste erst einmal tief Luft
holen. Dann beugte er sich noch weiter über die Bettkante, und was er
dort sah war fürchterlich: ein Paar leuchtend grüne, böse Augen starrten
ihn an. Ein Aufschrei fuhr aus Leonhards Mund. Er schmiss sich zurück
in die Kissen und riss Shir Khan mit unter die Bettdecke. Sein kleines
Löwenherz tobte. Er fühlte sich wie eine kleine Nussschale bei Sturm
auf hoher See, und die Wellen schlugen über ihm zusammen.
Plötzlich öffnete sich die Zimmertür, das Licht ging an und die zuverlässigste
aller Mütter kam mit besorgter Miene ans Bett, um Leonhard zu retten.
Der stürzte sich schluchzend in ihre Arme.
"Was ist denn los, mein Liebling?", fragte sie und die Welt drehte sich
wieder richtig herum.
"Mami, ES ist unter dem Bett und ES hat geatmet und geleuchtet und böse
geblickt. Pass auf, dass ES dir nicht in die Füße beißt."
Aber statt Angst zu bekommen, fing sie an zu lachen, als wäre alles
nur ein Scherz: "Schatz, was soll mir in die Füße beißen?"
"Ich glaube ES ist ein Krokodil, und ES ist furchtbar gemein und böse
und hinterlistig und will mich und Shir Khan schnappen."
"Wo denn?" Mami kniete sich ans Bett und schaute darunter, "hier ist
nichts, schau selbst. Du hast bestimmt nur geträumt."
Zitternd schüttelte er den Kopf. "Mami, ES ist dort, ich habe ES doch
gesehen, und ES ist schrecklich."
"Hab keine Angst", antwortete sie, "hier ist absolut nichts und es gibt
keinen Grund sich aufzuregen. Ich decke dich jetzt schön zu, lasse das
kleine Licht an und die Tür einen Spalt auf, dann kannst du beruhigt
schlafen." Sprachs, drückte Leonhard noch einen Schmatz auf die Stirn
und ließ ihn dann mit Shir Khan und dem Krokodil allein.
Für Mami schien die Sache damit erledigt zu sein.
...
Es war einmal ein kleiner Krabbelkäfer. Der
lebte auf einer großen, grünen Wiese. Auf der Wiese standen viele alte
Bäume und es gab jede Menge bunte Blumen. Die Blumen wiegten sich im
warmen Sommerwind und sangen eine leise Melodie. Alle Tiere, die auf
dieser Wiese wohnten, schliefen tief und fest. Der kleine Krabbelkäfer
wohnte in einer wunderschönen Blüte. Jedes Blütenblatt hatte eine andere
Farbe, blau wie der Himmel, gelb wie die Sonne, rot wie die Wolken bei
Sonnenuntergang, türkis wie das Wasser im nahe gelegenen Teich.
Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen vom Himmel fielen, öffnete sich
diese Blüte ganz langsam, und die Strahlen kitzelten den kleinen Krabbelkäfer
wach. Er reckte und streckte sich wohlig und begrüßte den Tag mit einem
langen Gähnen.
Dann ging er hinüber zur Nachbarsblüte, in der sich das Tauwasser des
nachts sammelte und nahm sein Morgenbad. Er zog seinen Krabbelkäfermantel
aus und stieg ins Wasser. Das Wasser war von der Sonne herrlich warm
und samtweich. Der Krabbelkäfer legte sich auf den Rücken und schaute
in den Himmel. Er beobachtete die vorüberziehenden Wolken. Sie veränderten
ständig ihre Gestalt. Mal waren sie eine Herde grauer Elefanten, die
vorbeizog, mal eine Gruppe von Wildgänsen auf ihrem Flug in ferne Länder
oder ein großes Krabbelkäfergesicht, das mal lachte und mal schlief.
Dem Krabbelkäfer war es ganz warm in dem schönen Wasser und er war sehr
glücklich. Er fühlte sich so leicht, als würde er im Sommerwind mit
ausgestreckten Flügeln davonsegeln.
Nach dem Bad war der kleine Krabbelkäfer sehr hungrig, und er verspeiste
ein riesiges grünes Blatt. Nun war er satt und zufrieden.
Er wollte heute seine Krabbelkäferfreundin auf der anderen Seite der
Wiese besuchen. Er wanderte los, und es war eine lange mühevolle Strecke,
die er zurücklegen musste, denn das Gras war hoch und überall gab es
Hindernisse auf seinem Weg. Seine Krabbelkäferarme wurden beim Laufen
ganz schwer und auch seine Krabbelkäferbeine wurden ganz schwer. Aber
schließlich überwand er alle Schwierigkeiten des Weges und kam wohlbehalten
bei seiner kleinen Freundin an, die ihn schon den ganzen Tag freudig
erwartet hatte. Sie gab ihm aus einem Blütenkelch den herrlichsten Nektar
zu trinken und zusammen betrachteten sie den Sonnenuntergang. Dabei
wurden sie ganz müde und beide gähnten und streckten sich. Dann legten
sie sich auf ein großes, grünes, weiches Blatt nebeneinander und deckten
sich mit einem leichten Blütenblatt zu. Sie lagen auf dem Rücken und
schauten in den dunklen Nachthimmel. Dort sahen sie Hunderte von Sternen
blinken. Sie zählten die Sterne und bewunderten die Sternbilder. Ihre
Krabbelkäferarme waren schwer und auch ihre Krabbelkäferbeine waren
schwer. Sie wussten, dass der Mond oben am Himmel, sie beschützen würde,
denn er liebte alle Krabbelkäfer sehr. Sie fühlten sich warm und entspannt,
wie sie so auf dem Blatt lagen. Und das Blatt wiegte sich sanft im Wind.
Es schaukelte hin und her und hin und her. Da fielen den kleinen Krabbelkäfern
die Augen zu, denn sie waren sooo müde und sie fühlten sich wohl, und
wenn sie morgen Früh aufwachten, würden sie gestärkt und erfrischt sein
für den neuen Tag. Sie atmeten einen tiefen Atemzug der frischen duftenden
Wiesenluft ein, und ganz aus der Ferne hörten sie die Grillen das Gute-Nacht-Lied
der Wiese singen:
Der Himmel ist grau, und die Sonne verblasst,
sie ist jetzt an anderen Orten zu Gast,
die Sterne gehen auf und ziehn ihre Bahn,
die Welt dreht sich weiter, sie hält niemals an.
Ich schließe die Augen, lass diesen Tag los,
begebe mich sanft zu Frau Nacht in den Schoß,
der Mond schickt mir Träume die niemand vermisst,
damit mit auch nachts niemals langweilig ist.
Drum lasst mich in Ruh, denn der Tag ist vollbracht,
schlaft ein, denn die Nacht ist zum schlafen gemacht.
Ich bin nicht allein, und ich weiß ganz genau,
wenn ich morgen früh aufwach ist der Himmel schön blau.
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