Ilonka Breitmeier - Jugendbücher

Ein Skater kommt selten allein

Die Schulglocke läutete die große Pause ein. Durch die Flure strömten die Schüler auf den Hof und fanden sich zu kleinen Gruppen zusammen. Franzi, die sich immer im Hintergrund hielt, stand etwas abseits an die Schulmauer gelehnt.
Franzi war jetzt in der zweiten Klasse des Gymnasiums. Früher war sie eine der Besten ihrer Klasse gewesen, aber seit sie stotterte, beschränkte sich ihre Mitarbeit fast nur aufs Schreiben und Denken.
Zum Glück ließen die meisten Lehrer sie wenigstens in Ruhe, solange sie bei Klassen und Hausarbeiten gute Leistungen zeigte.
Franzi erinnerte sich noch zu genau an die erste Zeit ihres Stotterns.
Die Hänseleien nahmen damals kein Ende. Ihre Mitschüler schauten sie komisch an und manche lachten sich schlapp, wenn Franzi bestimmte Wörter nicht fließend herausbrachte. Die ganz Gemeinen bedachten sie mit verletzenden Spitznamen, während Franzis Freunde mitleidig dreinschauten oder den Übeltätern eins auswischten.
Das alles tat weh und Franzi versuchte nach Möglichkeit nicht aufzufallen. Sie zog sich in ein unsichtbares Schneckenhaus zurück.
Jetzt wurde sie kaum noch darauf angesprochen. Die meisten hatten sich allmählich an Franzis Stottern gewöhnt. Und Franzi stellte die Ohren auf Durchzug, schottete sich ab und verlor sich in Tagträumen. Sollten sie doch lästern, irgendwann würde ihr Stottern wieder aufhören und dann käme sie als Schauspielerin ganz groß raus und alle würden staunen. Sie würde es ihnen schon zeigen.
Meistens las sie in einem Buch, während sie ihr Pausenbrot verzehrte. Heute war Pa mit dem Frühstück an der Reihe gewesen. Sie wechselten sich damit ab. So konnte einer von beiden morgens noch ein wenig dösen und trödeln. Pa hatte eines seiner Spezialbrote gebastelt: Käse mit Tomate, Sojasprossen und Radieschen. Dafür war Franzi heute mit dem Mittagessen dran. Zweimal in der Woche kochte sie.
Franzi kochte nur nach Farben. Es gab immer ein Gericht in einer bestimmten Farbe. Zum Beispiel alles in Rot, Gelb oder Grün. Das machte Spaß. Letztes Mal hatte sie einen mit Käse überbackenen Auflauf aus Nudeln, gelbem Paprika, Mais und einer Tofu-Sahne- Soße gezaubert. Als Nachtisch hatte es Ananas gegeben. Heute wollte sie in Rot einkaufen. Franzi stellte gerade ihre Liste zusammen: Tomaten, Rote Beete ..., als sie, ohne es zu wollen, ein Gespräch aus nächster Nähe mitbekam.
»Da kommt ja der Pushmeister! «, rief Paul aus, als Ollie auf ihn zukam.
»Du kannst mich ruhig Terminator nennen«, entgegnete Ollie.
»Wie wär's mit Spiderman?«, warf Mahro ein und lachte. »Oder Flipper?«
»Übrigens Flip«, Ollie bekam einen betrübten Gesichtsausdruck, »Felix hat sich gestern beim Backflip das Schlüsselbein gebrochen. So mit Notarzt, Krankenwagen und allem Drum und Dran. War echt was los auf der Pipe.«
»Oh, Mist!« Paul pfiff durch die Zähne. »Ich hab mich immer gefragt, wie der Wahnsinnige die Rückwärtssaltos hinkriegt. Der Mann springt doch viel zu spät ab.«
»Das hat er jetzt auch gemerkt«, warf Ollie ein. »Er sollte erst mal den Handstand sauber hinlegen.«
»Ich brauch neue Rollen«, sagte Paul. »Kommt einer nach der Schule mit zu Billys?«
Ollie überlegte. »Ich muss die neuen Kugellager abholen.«
»Mensch, mein Taschengeld war am Ersten schon wieder futsch«, stöhnte Mahro. Er bohrte in einem großen Loch am Knie seiner weiten schwarzen Jeans. Unten war sie an den Stellen ausgefranst, wo er sie aufgeschnitten hatte, damit sie besser über die Skates passten. »Ich komm nicht mit. Der Laden ist mein Untergang.«
Paul lachte. »Wem sagst du das! «
»Hallo! « Das war Zoe, die auf ihrem Weg zu Franzi an den dreien vorbeikam. Sie schaute Ollie direkt an. Ganz schön mutig!
»Sorry für gestern«, sagte Ollie zu Zoe, »ich hab dich zu spät gesehen.« Er grinste und grub die Hände tief in die Hosentaschen.
»Ist ja nichts passiert«, flötete Zoe und ging beschwingt auf Franzi zu, die gerade noch mitbekam, wie Ollie seine Kumpel aufklärte: »Hab die Kleine fast umgenietet auf dem Weg zur Funbox.«
»Hast du das mitbekommen?« Zoe fingerte aufgeregt an den Knöpfen ihres Shirts und strahlte. »Ist er nicht nett? Er hat mich gleich wieder erkannt. Stehst du schon lange hier? Hast du deine Mathehausaufgaben gemacht? Drüben bei Sandra quatschen sie die ganze Zeit über das Lifekonzert am Donnerstag. Sind alle völlig aus dem Häuschen. Na toll, jetzt ist die Pause schon wieder um. Auf zum letzten Gefecht!« Sie hakte sich bei Franzi unter und gemeinsam gingen sie zum Klassenraum zurück.
Heute konnte sich Franzi gar nicht richtig auf den Unterricht konzentrieren. Gleich beim Aufwachen hatte sie ein ganz unbekanntes Prickeln in sich gespürt. Irgendetwas war geschehen. Was war es doch gleich? Richtig. Sie hatte einen Plan. Sie hatte ein Ziel. Sie wollte etwas Neues machen.
Inlineskates für Franzi. Das war es. Hörte sich klasse an. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie richtig gut gelaunt aufgewacht.
Pa hatte seine Tochter im Bad summen und pfeifen gehört und war auch gleich fröhlich gestimmt gewesen. Vielleicht kam doch noch alles in Ordnung. Er hatte den Wunschzettel gefunden und sich gefreut, dass Franzi endlich wieder etwas vom Leben wollte und nicht mehr so gleichgültig war. Ihr Vater bedauerte sehr, dass sie das Eislaufen und alles, was ihr so viel Vergnügen bereitet hatte, aufgegeben hatte.
Pa war nicht gerade ein sportlicher Typ. Das Ausbrüten von Ideen am Computer oder die Regieführung bei Filmaufnahmen erforderten auch keine olympischen Höchstleistungen. Aber Franzi war so beweglich und flink wie ihre Mutter. Endlich erwachten wieder die Lebensgeister in ihr.
Franzis Herz hüpfte, als sie entdeckte, dass Pa ihren Wunschzettel an sein Memobrett gepinnt hatte. Dort piekste er alle Notizen fest, die ihm besonders wichtig waren. Am liebsten hätte Franzi gleich Zoe davon erzählt, aber es war noch zu früh. Pa hatte noch nichts versprochen, nur verschmitzt gelächelt.
Gerade überlegte Franzi, ob sich bei ihr bald auch alle Gespräche um Kugellager, Helme, Saltos mit Figuren und verstauchte Knochen drehen würden. Das war immer noch besser als stundenlange Freundinnentelefonate um Poster, Kleidung, Popstars und Streit mit den Eltern. Franzi telefonierte wegen des Stotterns nie. Wie viel Geld sie da schon gespart hatte! Manche Mädchen aus der Klasse verbrachten Stunden am Telefon oder auch vor dem Fernseher, während die Jungen am Computer saßen und nervös versuchten, irgendwelche Fabelwesen am Leben zu halten. Da waren Franzi sportliche Aktionen tausendma1 lieber. Oder Kochen nach Farben. Sie liebte es auch, Pa beim Ausschmücken seiner Geschichten zu helfen. Er fragte sie oft um Rat, da er viel fürs Kinder- und Jugendfernsehen drehte. Früher hatte sie kleinere Rollen in seinen Filmen gespielt. Das hatte immer totalen Spaß gemacht und ihre Freundinnen beneideten sie darum. Jetzt konnte sie nur noch auf eine Rolle in einem Stummfilm hoffen. Schwarzweiß, mit Gesten und Mimik. Sie lächelte bei dem Gedanken, als Charlie Chaplin vor der Kamera zu stehen, als sie laut und deutlich ihren Namen hörte.
»Na, Franziska, ich unterbreche deine Tagträume nur ungern, aber könntest du vielleicht wiederholen, was ich gerade gesagt habe?« Das war die Stimme von Herrn Mengersdorf, dem Mathelehrer, den alle nur Mengenlehre nannten.
»Geometrie bis Montag«, flüsterte Zoe ihr mit vorgehaltener Hand zu.
»Es geht doch nichts über echte Freundschaft ...« Mengenlehre konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Und nun, liebe Zoe, vielleicht noch einmal schön laut für die ganze Klasse!«
»Geometrie, Seite sechsundachtzig, bis Montag«, ratterte Zoe herunter ohne rot zu werden.
Es klingelte zur letzten Stunde. Alle Schüler packten ihre Sachen für den Kunstunterricht zusammen und verließen lärmend die Klasse.
»Auweia, das war ja voll peinlich!« Zoe lächelte Franzi an. »Wo warst du denn nur mit deinen Gedanken? Das ist doch gar nicht deine Art. Zum Glück hat Mengenlehre 'ne Menge Humor. Ich freu mich schon auf Kunst. Da muss wenigstens das Gehirn nicht dauernd rattern.«
Als sie im Werkraum eintrudelten, nahmen die Mädchen ihre angefangenen Arbeiten aus den Fächern und schlenderten zu ihren Werkbänken.
Sie hatten zwischen Seidenmalerei und einer Arbeit in Holz wählen können. Franzi hatte sich für einen Schal mit Blumenmotiv entschieden. Zoe sägte lieber wild drauflos und hatte es sich in den Kopf gesetzt, ein modernes Kunstwerk zu schnitzen.
Franzis Schal würde zu ihrem Seidenpulli schick aussehen und hätte ihrer Mutter bestimmt gefallen.
Pa würde ihn garantiert langweilig finden, aber er musste ihn ja schließlich nicht tragen.

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Ensslin & Laiblin Verlag Reutlingen, ISBN 3-7709-2003-1 oder direkt hier bestellen