Ilonka Breitmeier - Jugendbücher

Liebe auf den ersten Blick

Am Frühstück wedelt Annie mit einem Brief, der an mich adressiert ist. Er kommt den weiten Weg von Amsterdam, der modernen Großstadt, zu uns Hinterwäldlern, und ich freue mich, dass wenigstens die Post funktioniert, wenn schon nicht mein Leben. Aufgeregt reiße ich ihn auf.

Hallo Heidi!
Wir sind inzwischen in Holland eingetrudelt und fast erste Aktion ist es, dir zu schreiben, damit du nicht völlig verzweifelst. Die Bahnfahrt war lustig, weil wir Freunde aus Leons Sportmannschaft trafen, die ununterbrochen Witze gerissen haben und nur quatsch im Kopf hatten. Sie haben sämtliche Leute im Zug unterhalten und die Fahrt verging wie im Flug. Amsterdam ist beeindruckend, so lebendig und bunt. Wir haben unser Gepäck am Bahnhof deponiert und eine erste Tour durch die Stadt gemacht, bevor wir mit der Bahn zu unserem Seeörtchen gedüst sind. Ich glaube, so weit bin ich lange nicht mehr getippelt. Nur Leon ist es zu verdanken, dass ich nicht bereits am ersten Tag mein gesamtes Geld ausgegeben habe. Du kannst dir nicht vorstellen, was für wahnsinnige Klamotten sie hier haben. Zum Ausrasten! Leon ist echt niedlich, ein Schatz. Du hast ungeheures Glück, einen Freund wie ihn zu haben. Ich meine, versteh mich nicht falsch - du bist auch Klasse, aber Leon ist etwas Besonderes. Man kann ohne Ende mit ihm lachen, ich kann mir echt nicht vorstellen, dass es mit ihm je langweilig wird. Die Cousine meiner Mutter ist wirklich in Ordnung. Sie war etwas enttäuscht, dass ich dich nicht mitgebracht habe, aber Leon hat sie mit seinem Charme um den Finger gewickelt. Er will dir auch ein paar Zeilen schreiben, er drängelt die ganze Zeit und schielt mir frech über die Schulter. Von Briefgeheimnis hat er wohl noch nie etwas gehört. - Kim, lass dich nicht unterkriegen und versuch das Beste aus deiner Situation zu machen. Schreib uns schnell, wie es dir geht.
Bis bald, deine Larissa

Hallo, Kim, altes Haus!
Ich fürchtete schon, Larissa schreibt, bis der letzte Postkasten geleert ist. Ich will den Brief umbedingt heute absenden, damit du weißt, dass wir dich nicht vergessen haben.
Es würde dir hier garantiert gefallen, und ich verspreche dir, das nächste Mal bist du dabei. Ich könnte die Welt umarmen. Heute Abend werden wir uns ins Gewühl stÛrtzen und richtig feiern. Ich will alles sehen, was Amsterdam zu bieten hat: Galerien, Museen, Geschäfte, Musikclubs, Grachtene; Sehenswürdigkeiten. Larissa ist eine tolle Begleiterin mit Durchhaltevermögen.
See you, baby, lass den Kopf nicht hängen, sondern lass dir etwas einfallen. Ich vertraue auf deine Fantasie.
Dein Amsterdamer Löwe


P.S.: Grüß Annie und Harry von uns, falls du noch mit ihnen sprichst.
Ich könnte ins Tischbein beißen. Was würde ich geben, um bei Leon und Larissa zu sein!
Hallo, Heidi! Wirklich sehr witzig. Klar, meine Welt sind die Berge, denn hier oben bin ich zu Haus ... Die haben gut reden. Amüsieren sich ohne Ende, und ich darf zusehen, wie das Leben neben mir lacht.
"Hast du eine Todesanzeige bekommen, Kim?", will Annie wissen. "Du siehst so traurig aus."
"Mir wurde soeben der Todesstoß versetzt. Kein Grund zur Beunruhigung, alles in Butter. Zur Not werde ich hollän dische Briefmarken sammeln." Nur mit Mühe bringe ich ein gequältes Lächeln zustande.
"Wie gehts den beiden?", fragt Harry interessiert.
"Ach ja, schönen Gruß. Ich fürchte, sie werden sich nicht besonders erholen. Sie sind kurz davor, sich ineinander zu verknallen."
"Wie kommst du denn darauf? Sie kennen sich doch schon so lange, warum sollten sie auf einmal ihre Freundschaft, ich meine, eure Freundschaft ..." Harry kommt ins Stocken. "Ich lese eben zwischen den Zeilen."
"Und, würde es dir was ausmachen?"
"Weiß ich nicht." Das Thema gefällt mir nicht. "Was liegt heute an?"
"Wir dachten, wir fahren ins Ortszentrum, zum Herz des Wintersports. In Sankt Anton trifft sich die internationale Skiszene. Siebzig Seilbahnen und Schlepplifte, Skischulen für alle Wintersportarten, Flugdrachen, Bergrestaurants und Almhütten, da geht die Luzie ab, du wirst Augen machen. Wir werden mit der Seilbahn bis 2 800 Meter hinaufgondeln und über die Gletscher sehen. Der Anblick ist göttlich, du wirst begeistert sein." Annie reibt sich vor Freude die Hände.
"Wers glaubt, wird selig. Nett, dass du mich aufbauen willst, aber ich steh nicht auf Gletscher."
"Warts ab, Kim. Es wird dir gefallen."
Also rein in den Schneeanzug und raus in die Sonne, die mich schon wieder auslacht. Hätte ich nur auf Annie gehört und meine Sonnenbrille eingesteckt.
"Leihst du mir deine Mütze?", frage ich den Schneemann. Er hat nichts dagegen und ich setze mir die ultrahässlichste Pudelmütze auf, die die Bergwelt je gesehen hat.
Na, dann kanns losgehen. Ich bin gespannt wie 'ne Schlaftablette. Noch neunzehn Tage. Die Zeit vergeht wie im Flug. Heidi ist zu jeder Schandtat bereit.
Wir fahren die gewundene Straße Richtung Sankt Anton: links Berge, rechts noch höhere Berge und nach fünfzehn Minuten Szenenwechsel.
Mit Müh und Not ergattern wir einen Parkplatz. Wir steigen aus und stürzen uns ins Gewusel der Wintersportler, die ihre Skiausrüstungen Richtung Piste schleppen.
Sankt Anton ist ein kleines Bergdorf am Hang des Arlberges und besteht aus unzähligen Geschäften, Hotels und Restaurants. Ich glaube, meinen Augen und Ohren nicht zu trauen: Es geht hier stürmischer zu als im Winterschlussverkauf. Aus jeder erdenklichen Ecke dringt Musik, aber keineswegs Almgedudel, sondern die Charts rauf und runter. Auf großen Sonnenterrassen sitzen Sportfans, die sich beim Essen, Trinken und Plaudern amüsieren.
Eine Gruppe von Jugendlichen hat es sich um einen runden Tisch gemütlich gemacht. Gerade lachen sie sich über irgendeinen Scherz schlapp - da sehe ich ihn. Mein Herz bleibt kurz stehen, überschlägt sich und hoppelt aufgeregt weiter. Der Junge, der diese Symptome auslöst, ist eine Mischung aus James Dean, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio.
Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, bis zu diesem Augenblick jedenfalls nicht. Dieser Typ ist umwerfend. Er lächelt das Lächeln von James in "Jenseits von Eden", hat die wilde, unverbrauchte Entschlossenheit von Brad, die keinen Widerspruch duldet, und Leonardos Gelassenheit beim Untergang der Titanic. Er ist blond und braun gebrannt, hat strahlende Augen, zwei Fältchen um die Mundwinkel und so schöne Hände, dass meine Hormone Purzelbäume schlagen. Gerade steht er auf, schaut in meine Richtung und ...
"Kim, kommst du? Wir wollen zum Gletscher hoch."
Ich erwache wie aus einer Hypnose. Erschreckt schaue ich zu Annie und Harry. Wie können sie es wagen, mich in diesem Moment anzusprechen!
Gletschert ohne mich!, will ich ihnen zurufen. Ich schwebe bereits in den nicht vorhandenen Wolken, die Sonne lacht mir ins Gemüt, nur zehn Schritte von mir entfernt steht der schärfste Typ aller Zeiten, was wollt ihr von mir? Mein Pulsschlag normalisiert sich ein wenig, ein letzter Blick auf Leonardo. Ich muss gehen, Geliebter, familiäre Verpflichtungen rufen mich. Wir sehen uns - oder auch nicht ... Ich folge Annie und Harry mit hängendem Kopf.
"Was gabs denn dort Wichtiges zu sehen?"
"Ich glaube, hier gefällts mir. Wollen wir nicht bleiben?" Hoffnung keimt in meinem einsamen Herzen auf. Sollte sich am Ende das Blatt wenden? Es kommt mir vor, als hätte ich das Kino gewechselt. Jemand hat mich aus einem öden Dauerbrenner geweckt und gesagt: "Wenn Ihnen dieser Film nicht zusagt, gehen Sie einfach einen Kinosaal weiter. Gleich nebenan läuft was wirklich Spannendes."
"Dreimal Krampenbahn bis zum Gipfel, bitte", höre ich Harry sagen und kurz darauf befinde ich mich, eingequetscht zwischen Skifahrern unterschiedlicher Nationalitäten, auf dem Weg zur Seilbahn. Es ist unmöglich, in dieser Warteschlange einen Blick zurück zum Dorf zu werfen. Ich werde eingelullt von österreichischen, englischen, französischen und holländischen Wortfetzen. Holländisch? Klar, die haben zur Zeit auch Osterferien. Meine Laune steigt.
Endlich sind wir in der Gondel und schweben Richtung Himmel. Nur fliegen ist schöner. Ich schaue runter zum Dorf, wo Leonardo mit seinen Freunden Spaß hat. Vielleicht ist die Clique ja noch da, wenn ich wiederkomme.
Die weißen Berge türmen sich hintereinander auf wie Sahnehauben. Die Stille oben auf dem Gletscher ist atemberaubend. Wir befinden uns auf dem Dach der Welt und haben einen unglaublichen Ausblick. Es sieht aus wie in einer bildschönen Wüste aus Eis und Schnee.
"Ist es nicht herrlich?", schwärmt Annie. "Ich könnte ewig hier oben bleiben."
"Von mir aus gern", denke ich, "aber ohne mich." Ich kann es gar nicht abwarten, wieder ins Tal zu kommen, wo das Leben tobt. Die Minuten kommen mir wie Stunden vor, ich werde kribbelig und nervös, während meine Eltern immer ruhiger werden.
"Wollen wir nachher auf dem Weg nach unten einen Imbiss in einer der Skihütten zu uns nehmen?", schlägt Harry vor.
Mein Einsatz. "Ich hab unten im Dorf ein tolles Restaurant gesehen, da könnten wir hingehen."
Leonardo, ich komme!
Annie runzelt die Stirn. "Dort ist es so hektisch, schlimmer als bei uns zu Hause. Hier oben ist zwar auch einiges los, aber dafür ist die Fernsicht einfach göttlich." Annie schirmt die Augen mit der Hand ab und lässt ihren Blick verträumt über die Bergspitzen schweifen.
Mir kommt eine geniale Idee. "Wie wärs, wenn ihr es euch gemütlich macht und ich schwebe nach unten und bummle ein wenig herum? In zwei Stunden treffen wir uns unten am Lift", schlage ich harmlos vor und füge sicherheitshalber hinzu: "Ich kann hier oben kaum atmen, die Luft ist furchtbar dünn."
"Gute Idee", meint Annie. "Schatz, nur wir beide, ohne Teenager, der uns im Nacken sitzt. Wir und die Berge, verlockend!" Sie zwinkert Harry zu und küsst ihn zärtlich. Ich werde neidisch auf das junge Glück und denke: "Das hättet ihr den ganzen Urlaub haben können", verkneife mir aber jeden Kommentar. Ich habe Wichtigeres zu tun.
"Na, dann tschüs, und viel Spaß, ihr Turteltauben", juble ich und kehre ihnen den Rücken.
Die Seilbahn ist auf der Rückfahrt viel leerer, da die meisten natürlich auf Skiern abwärts wedeln.
Unten angekommen gehe ich zu der Sonnenterrasse und suche die jungen Leute. Mein Herz klopft aufgeregt. Ich habe Angst, dass ich sie verpasst habe.
Das Schicksal ist mir ausnahmsweise gnädig. Sie sind gerade dabei, zu zahlen und ihre Skiausrüstungen zusammenzuklauben. Leonardo wendet mir das Gesicht zu - ich finde ihn noch genauso stark wie vorhin. Mit einer blitzartigen Handbewegung reiße ich mir das wollene Accessoire vom Kopf. Ein Glück, dass er mich bisher nicht erspäht hat. Ich wäre vor Scham im Erdboden versunken, wenn er mich mit diesem entstellenden Teil entdeckt hätte.
Was soll ich jetzt machen? Mich hinsetzen und einen Tee bestellen? Stehen bleiben und Löcher in die Luft starren?
Ich warte vor einem Schaufenster ab und beobachte die Clique erst einmal aus der Ferne. Ich komme mir vor wie ein Privatdetektiv, fehlen nur die ausgebreitete Zeitung und die verspiegelte Sonnenbrille.
Leonardo hängt sich seinen Schal um, schnappt sich Handschuhe und Snowboard. Einer der Jungen ruft ihm was zu und mein Sunnyboy lacht das süßeste Lachen, das die Berge je zu Gesicht bekommen haben. Es strahlt heller als die Sonne. "Hoffentlich ist er kein arroganter Idiot", denke ich. Gut aussehende Jungs sind manchmal schrecklich hochmütig und behandeln die anderen von oben herab. Aber sein Lächeln ist warm und frisch, er kann nicht eingebildet sein.
Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich zu ihm hingezogen. Mein Herz sagt mir, dass er echt ist. Seine Ausstrahlung bringt mich aus der Fassung. Ich habe einfach Lust ihn kennen zu lernen. Und weil das Bedürfnis so drängend ist, fühle ich mich wie gelähmt. Alle Lockerheit ist von mir abgefallen. So ein Pech!
Es sind fünf Jungs, die nun die Treppe hinuntersteigen und die Straße entlangschlendern. Sie haben weite Skihosen an, Snowboardschuhe, die aussehen wie warme Turnschuhe, und große Skijacken. Ihre Skibrillen haben sie auf die Stirn geschoben, die Bretter tragen sie lässig in einer Hand. Die Klamotten meines Auserwählten sind beige mit schwarz, die Jacke ist geöffnet, auch der Reißverschluss der Hose, vom Knöchel bis zum Knie, ist offen.
Es ist unglaublich warm für diese Jahreszeit. Die Sonne brennt und wird gnadenlos vom Schnee reflektiert. Mein Herz schmilzt dahin.
Ich folge den Jungen unauffällig, was überflüssig ist, da mich sowieso keiner beachtet. Ach, wie gern würde ich zu ihnen gehören! Mit Leonardo Hand in Hand durch den Schnee gehen und ihm verliebt zuzwinkern. Ich schnappe ein paar Wortfetzen auf, die ich nicht einordnen kann. Sie unterhalten sich in irgendeiner komischen Sprache, aber seine Stimme ist wunderbar. Ach, wäre doch Larissa jetzt hier!
Ich bin zum ersten Mal hier richtig gut gelaunt und könnte singen. Lieber nicht. Wäre ja echt peinlich, wenn sich plötzlich alle fünf umdrehten und mich anstarrten.
Wir kommen zur Piste. Die Jungs schnallen ihre Snowboards an, schließen die Hosenbeine und Jacken, setzen ihre Brillen auf. Dann gleiten sie mit ihren Brettern vorwärts, indem sie mit dem freien Bein Schwung geben. Sie stecken ihre Skipässe in die Automaten, passieren die Sperre, schnappen sich eine Liftstange und fahren jeweils zu zweit den Berg hinauf - und hinweg aus meinem Leben.
Mist! Ich kann ihnen nicht folgen. Mit dem Schlitten ist es nicht erlaubt, zu Fuß gehts erst recht nicht. Abgehängt, ausgeschlossen, im Stich gelassen. Und ich hatte gehofft, es könnte endlich lustig werden. Was jetzt?
Ich sehe ihnen nach, bis sie als dunkle Punkte aus meinem Blickfeld verschwinden. Ob sie hier auch wieder runterkommen ist fraglich, weil oben unzählige Pisten abgehen. Sie könnten genauso gut in einem der anderen Dörfer landen. Frustriert setze ich mich auf eine Bank am Fuß des Berges. Hätte ich sie einfach ansprechen sollen? Und wenn ich ihn nun nie wieder treffe? Vielleicht war das meine einzige Chance, jemals verliebt zu sein und geküsst zu werden, und ich hab sie vermasselt. Aber was hätte ich denn sagen sollen? Außerdem hätte ich Englisch sprechen müssen. Wer weiß, ob mich die Jungs überhaupt verstanden hätten.
Ich mustere die Skiläufer und -läuferinnen. Es ist wie eine Gratismodenschau. Die Leute tragen die schicksten Sachen; ich wusste gar nicht, wie toll man in Skiklamotten aussehen kann. Und erst die Kopfbedeckungen: Vom Faschingshütchen über Dinosaurierkäppis bis zu knielangen Bommelmützen ist hier alles vertreten. Nur so eine Pudelmütze, wie ich sie habe, trägt hier keiner. Ich werde sie meinem Verlobten, dem Schneemann, schenken.
Nach einer Dreiviertelstunde will ich aufgeben, als ich die Clique den Berg herunterzischen sehe. Juchhu, sie kommen! In weiten, schlangenartigen Bögen ziehen sie ihre Bahnen, manchmal wagen sie Sprünge. Es sieht nach viel Spaß aus, leicht und schnell.
Mein Favorit kommt in irrer Geschwindigkeit auf mich zu. Ich denke, gleich wird er mitten ins Auffangnetz brettern, als er sein Snowboard hart zur Seite reißt, den Schnee aufspritzen lässt und zum Stehen kommt. Er lacht (mich an?), schiebt die Sonnenbrille hoch und lässt sich erschöpft auf den Boden fallen. Dort liegt er entspannt, happy, die Ellbogen aufgestützt - ach, wunderschön anzusehen. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, um nicht spontan zu applaudieren. Seine Freunde trudeln einer nach dem anderen ein und blödeln ausgelassen herum. Zu gern würde ich mit Leonardo den Berg hinuntersausen. Bitte, nimm mich mit auf deinem Brett! Zwei auf einem Board.
Leon und Larissa würden Augen machen. Und erst die anderen aus meiner Klasse. Aber das sind Tagträumereien. Das Leben sieht anders aus.
Die Clique sammelt sich erneut, um wieder bergauf zu gleiten. Tschüs, ihr Glücklichen! Gedankenverloren hebe ich meinen Arm, um ihnen nachzuwinken. Leonardo sieht sich ausgerechnet in diesem Augenblick um. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Er nickt mir kurz zu, etwas verunsichert. Wahrscheinlich überlegt er, woher er mich kennen sollte. Gott, ist mir das peinlich! Ich spüre, wie die Röte über mein Gesicht zieht, und senke schnell den Kopf. Ich tue, als wäre ich nicht vorhanden, und könnte mich gleichzeitig für meine uncoolen Reflexe ohrfeigen. Als ich mich endlich wieder aufzuschauen traue, sind alle weg. Na toll, Kim, super Einsatz, wirklich ausgezeichnet! Bist du doof, oder was? Kopfschüttelnd verlasse ich meine Bank und schlendere Richtung Treffpunkt mit Annie und Harry. Ich hoffe, sie hatten eine erfüllte Zeit zu zweit. Schon von weitem sehe ich sie winken. Sie wirken entspannt und gut gelaunt.
"Hallo, Kim, es war fantastisch, ein Genuss! Was hast du getrieben?"
"Och, nur ein bisschen die Snowboarder beobachtet. Sieht wild aus, irre gut! Was liegt denn heute noch an?"
"Du bist rot im Gesicht", bemerkt Harry. "Ich fürchte, du hast einen Sonnenbrand. Wir müssen Creme besorgen, sonst verkokelst du uns. Und wie wäre es mit einer Sonnenbrille?"
"Gute Idee."
Wir schlendern durch die belebten Einkaufsstraßen und besorgen eine ausgefallene Brille für mich, Sonnenschutzcreme und Lebensmittel fürs Frühstück. Dann kehren wir in unsere Ferienwohnung zurück und machen Mittagspause. Die pralle Sonne und die Luftveränderung schlauchen unglaublich. Wir sind erschöpft, aber auf angenehme Weise.
Annie und Harry legen sich hin, ich krame mein Malzeug und mein Briefpapier heraus. Als ich am Spiegel vorbeikomme, torkle ich rückwärts. Mein Gesicht ist krebsrot. Die Sonne war zu viel des Guten und ich seh aus wie ein Hummerweibchen auf Bräutigamschau. Schade, dass Leonardo kein Hummer ist! Oh Hilfe, nur Pickel sind schlimmer!

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Ensslin & Laiblin Verlag Reutlingen, ISBN 3-7709-2003-1 oder direkt hier bestellen